Das Lunch Jobinterview - was wirklich dahinter steckt


Wenn es also zu einem Vorstellungsgespraech kommt, das am Esstisch stattfindet, sollte man sich schon darueber im klaren sein, dass es dabei nicht einfach nur um einen netten Chat zwischen Rekruiter (oder Personalmanager) und Jobkandidaten geht. Der Personalmanager nutzt diese Gelegenheit den Kandidaten in einem anderen sozialen Umfeld kennenzulernen. Ein Kandidat sei daher auf der Hut, denn alles was in dieser Zeit gesagt und getan wird, wird den Personalchef bei seiner Endentscheidung beeinflussen, welcher Kandidat den Job bekommen sollte. Zu einem Lunch-Interview wird man selten zu Beginn eingeladen, vielmehr findet es im Endstadium statt (alle relevanten Fragen wurden daher schon im ersten Interview gestellt). Wenn sich die Faehigkeiten, Erfahrungen, Ausbildung usw. der Kandidaten kaum voneinander differenzieren, kann ein Lunch-Interview dem Personalchef Aufschluss darueber geben, wer der idealste Kandidat fuer die Position zu sein scheint.

So was steckt wirklich hinter einem Vorstellungsgespraech das am Esstisch stattfindet? Verschiedene Gruende koennen dafuer genannt werden. Es kann sein, dass der Personalchef seine Mittagszeit wirksam nutzen will, indem er zu Mittag isst und gleichzeitig ein Gespraech mit einem Jobkandidaten einplant, somit zwei Fliegen auf einen Schlag treffen will. Fuer den Jobsuchenden andererseits, koennte es den Vorteil mit sich bringen – angenommen der Interviewort ist nicht zu weit vom Arbeitsplatz entfernt – dass er nicht um einen Urlaubstag bei seinem derzeitigen Arbeitgeber ansuchen muesste.

Aber oft will der Rekruiter vor allem folgendes in Erfahrung bringen:
  • Wie steht es um die Tischmanieren des Kandidaten?
  • Wie gut ist seine Allgemeinbildung? Kann man mit ihm ueber alle moeglichen Themen sprechen (z.B. Theater, Sport, News etc.)? Ist er ein guter Small Talker?
  • Wie gut managt er es, vernuenftige Antworten zu geben und sich zugleich am Tisch korrekt zu verhalten?
  • Wie verhaelt er sich in einem anderen sozialen Umfeld, z.B. in einem etwas weniger foermlichen Umfeld? (Gibt er dabei Informationen preis, die er in einem Gespraech im Buero nie verraten haette?)
  • Wie wuerde sich der Kandidat mit Kunden verhalten bzw. wie gut koennte er das Unternehmen repraesentieren? (falls es sich um einen Job handelt, bei dem Kundenkontakt bzw. Kundenbesuche entscheidend sind)
  • Wie behandelt er das Personal im Restaurant/Hotel?

Fuer einen Jobsuchenden kann ein Lunch-Interview daher zu einer ziemlich stressvollen Erfahrung werden. Einerseits werden vernuenftige Antworten von ihm verlangt, andererseits sollte man beweisen, dass man gute Tischmanieren besitzt (z.B. nicht mit vollem Mund spricht). Als ob das nicht schon genug waere, kann es dann auch zu Ablenkungen kommen, die man selbst nicht beeinflussen kann und die dazu fuehren, dass man sich die Chancen auf den Job regelrecht vermasselt. So kann es z.B. passieren, dass am Tisch neben ihnen ein Bekannter sitzt, mit dem Sie nicht besonders gut auskommen; oder von einem Kellner bedient werden, der einen besonders schlechten Tag zu haben scheint und unfreundlich zu ihnen ist; Sie ihren Blaehungen ploetzlich nicht mehr standhalten koennen; sie die falsche Speise bestellen, usw.

Und wenn es dann am Ende des Interviews zur Bezahlung der Rechnung kommt, kann es sein, dass Sie auch in dieser Angelegenheit noch „getestet" werden. So erging es mir in 2005, als ich in Nord London zu einem Lunch Interview eingeladen wurde und der Kellner MIR die Rechnung praesentierte. Wie haetten Sie darauf reagiert? Ich nahm es gelassen und wartete bis der Interviewer nach der Rechnung griff. Sie werden jetzt erstaunt sein, wenn ich ihnen verrate, was ich spaeter herausfand. Der Personalverantwortliche zahlte den Kellner dafuer, so zu agieren um schlussendlich meine Reaktion zu testen.

Ein Tip fuer Jobsuchende: Merken Sie sich, immer ein korrektes und professionelles Verhalten waehrend des gesamten Gespraeches an den Tag zu legen, auch dann, wenn der Personalmanager sich von seiner lockeren Seite zeigt. Werden Sie ausserdem nicht zu persoenlich und erinnern Sie sich, dass das Interview noch nicht vorueber ist und Sie den Job noch nicht in der Tasche haben!

Aber vergessen wir nicht, dass ein Interview schlussendlich keine Einbahnstrasse ist. Es erlaubt auch dem Kandidaten den neuen Boss in einem anderen Umfeld zu bewerten. Der Interviewer koennte im ersten Gespraech als eine nette Person wahrgenommen worden sein. Das Mittagessen mit ihm dagegen koennte dem Kandidaten die Augen geoeffnet haben und gezeigt haben, dass der Boss sich als eine unfreundliche, dominante Person entpuppte, die Freude daran findet anderes Fachpersonal vor Kandidaten blosszustellen. Wie motiviert waeren Sie dann noch fuer diese Person zu arbeiten? Beobachten Sie als Kandidat daher auch die Situation und uebersehen Sie dabei nicht die kleinen Dinge, die als Warnhinweis betrachtet werden koennten.

 

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